Letzte Änderung: 11.04.2012
Die Welt der Strohvermummung


In der Bundesrepublik gibt es noch eine einzigartige Vielfalt von Strohvermummungen.
Neue Anmeldung: --- 30.3.2012 ---: Äerzebär Kirchheim(Eifel) s.unten
Aktuellstes zugesandtes Foto: --- 08.10.2011 ---: Äschadreppler Hirschau s.unten
Verbreitung: In Hessen (54 Orte) und in Thüringen (52 Orte) gibt es die meisten Strohgestalten,am häufigsten als Strohbären. Mit 24 Orten hat der hessische Vogelsbergkreis(VB) die größte Verbreitungsdichte in Deutschland. In Baden-Württemberg sind es 31 Orte. In Bayern trifft man in 16 Orten Strohbären, überwiegend in fränkischem Gebiet an. Sachsen-Anhalt hat 8 Orte mit Strohvermummung. In Rheinland-Pfalz pflegen 4 Orte auf dem Hunsrück und in der Eifel das strohige Brauchtum. 5 Orte habe ich in Niedersachsen gefunden, 5 in Nordrhein-Westfalen und ein Ort in Brandenburg. Dass es in anderen Bundesländern, wie Saarland, Sachsen und andere gar keine Strohgestalten geben soll, halte ich eher für unwahrscheinlich. Also bitte melden, wer dort einen Ort weiß.
Als Beispiel hier eine Übersicht der Strohvermummungsbräuche in Baden-Württemberg (Ort / Register-Nr):
Strohbär:
Böttingen (005) ,
Buchen(Odenwald) (015) ,
Empfingen (001) -
Epfendorf (021) ,
Geislingen-Binsdorf (029),
Großrinderfeld (030),
Osterburken (066),
Singen (003),
Tübingen-Hirschau (002),
Tuttlingen-Nendingen (008),
Walldürn (004),
Wellendingen (022),
Wellendingen-Wilflingen (031),
Strohbutz:
Mulfingen-Ailringen (006) und
Mulfingen-Zaisenhausen (007)
Hisgier :
Buggingen-Seefelden (010) ,
Müllheim-Vögisheim (009),
Müllheim-Zunzingen (023) ,
Sulzburg-Laufen (016) ,
Müllheim-Dattingen (167),
Müllheim-Britzingen (168),
Buggingen-Betberg (169)
Pelzmärtle:
Bad Herrenalb-Gaistal (011),
Bad Wildbad-Sprollenhaus (012) ,
Bad Wildbad-Nonnenmiss (013)
Strohmann:
Sigmaringendorf (017),
Geisingen-Leipferdingen (014),
Kloas
Altensteig-Walddorf (018) ,
Ebhausen-Ebershardt (019)
Kirmesbär
Großeicholzheim (068)
Reg-Nr. 001: --- Erbsenbären Empfingen , Lkr. Freudenstadt (FDS), Baden-Württemberg
Geschichte: Strohbären hatten früher eine weite Verbreitung in Deutschland, die bis nach Pommern ging. Im Rheinland war der Erbsenbär vor dem Aufkommen des Karnevals auf den Dörfern eine der herkömmlichen Figuren in der bäuerlichen Fastnacht. So gut wie jeder Ort mit landwirtschaftlicher Prägung kannte den Strohbären. Dasselbe gilt für Südwestdeutschland. Im Gebiet vom oberen Neckar bis an den Bodensee traf man den Bären aus Erbsenstroh oder aus Langhalmstroh (Dinkel-,Roggen-,Hafer- und Weizenstroh) an.
Tag der Brauchausführung: Umgänge mit Strohgestalten gibt es an allen wichtigen Terminen des Jahresablaufes. Am häufigsten treten sie natürlich an der Fastnacht auf. Hier wiederum ist der Fastnachtsdienstag an vorderster Stelle, jedoch auch am Fastnachtsmontag, -sonntag und am Donnerstag davor (Schmotziger Donnerstag) kann man Strohbären antreffen. Im Laufe des beweglichen Osterfestkreises gehen Strohgestalten an den Fastensonntagen Lätare und Oculi um. Weiter am Ostermontag, Christi Himmelfahrt , Pfingsten und Pfingstmontag. Außerhalb der kirchlichen Festkreise Weihnachten und Ostern gibt es am Sonntag nach der Sommersonnenwende eine Brauchumgang. Der Kirmesbär tritt an vielen der Kirmesfeste auf. Meistens am Samstagnachmittag wird mit ihm im Ort gesammelt. (je nach Orts-Kirchweih an einem Wochenende zwischen Juli und November) Im Weihnachtsfestkreis trift man Strohvermummungen am Nikolaustag und Heiligabend an. Ebenso am 2. Weihnachtsfeiertag und am 27. Dezember. An Silvester und Neujahr und am 2. Februar (Lichtmeß)
Konfessionell gesehen, ist die Anzahl "protestantischer" wie "katholischer" Strohgestalten ungefähr gleich groß.
Einbindetechniken: Interessant sind die Vorgänge beim Einbinden. Hier sind bundesweit vier voneinander getrennte Verarbeitungsarten zu erkennen. Dies kann sich von einem Ort zum anderen in einer Region unterscheiden, jedoch wieder mit den Ausführungen eines geografisch weit entfernten Ortes übereinstimmen. Dies dürfte daraus resultieren, daß früher das Stroh in Haushalt und Landwirtschaft ein Allzweckmittel war. Die Handwerkstechniken -- Flechten (Strohzöpfe) -- Drehen (Strohseile) -- Abdecken/überschieben (Strohdach) -- und --Zwirnen (Strohmatten und -umhänge)-- wurden in jedem landwirtschaftlichen Haushalt beherrscht und später in wirtschaftlich strukturschwachen Regionen (z.B. Schwarzwald) sogar weiterentwickelt bis zur industriellen Verarbeitung (Strohhüte / Strohtaschen) Der technische Umgang mit Stroh und Langhalmgräsern ist anhand von archäologischen Forschungen bis in die Jungsteinzeit nachgewiesen. Ein bekannteres Beispiel dafür ist der gezwirnte Grasumhang des "Ötzi". Über die Rekonstruktion gab es kontroverse Diskussionen. Wetterschutzumhänge aus Stroh und Gräsern waren in ländlichen Gebieten früher eine verbreitete Nutzkleidung, die in Randkulturen, wie die des Viehhirten, in unserem Breitengrad, ebenso wie in Bereichen von Portugal und Spanien bis fast zur Mitte des 20. Jahrhunderts getragen wurden. Alle vier beschriebenen Techniken sind beim Einbinden von Strohvermummungen in Reinform in Gebrauch. Es gibt aber auch Strohfiguren in Mischform, bei der ein Teil des Körpers beispielsweise umwickelt wird, ein anderer aber mit stehendem Stroh eingebunden wird.
Interessantes zu Stroh-Gewicht und Einbindematerial: Beim Einbinden aus Anlaß der Empfinger Narrentage wurde am 30.1.2011 mit einer geeichten Bizerba-Waage das Stroh-Gewicht der Stroh- und Erbsenbären ermittelt. Der Langhalmstrohbär trug 11kg des 1,20m langen Roggenstrohs am Körper. Die Erbsenstrohbären hatten zwischen 20 und 25 kg Erbsenstroh zu tragen. Als Bindematerial wurden für den Langhalmstrohbären und für die Erbsenstrohbären jeweils pro Bär knapp 100 Meter Sisalschnur gemessen.
Für die meisten Strohvermummungen, welche kein Kostüm sind, sondern noch direkt eingebunden werden verwendet man Sisalschnur. Manche Strohbären werden aber auch schon mit dem Bindematerial Kunststoffschnur ( Strohballenpresse) gemacht.
Eine Besonderheit stellt der Strohbutz von Mulfingen-Ailringen dar. Er wird heute noch mit gedrehten Weiden-Gerten eingebunden. Auch beim Strohmann von Sigmaringendorf ist ein besonderes Einbindematerial zu sehen. Sein Stroh wird teilweise noch mit Garbenseilen am Körper gehalten. Die Sisalschnur, die hauptsächlich aus Brasilien stammt und aus den Fasern der Sisal-Agave (Agave sisalana) hergestellt wird, kam vielfach erst zwischen den beiden Weltkriegen und später zur Verwendung in unserer heimischen Landwirtschaft. Daher bleibt es offen, mit welchem Bindematerial vorher gearbeitet wurde. Neben den Weiden-Gerten könnten auch gedrehte Roggenstrohseile verwendet worden sein. Mit solchen Strohseilen band man früher die Getreidegarben. Diese Seile bewiesen bei meinen verschiedenen Einbindeexperimenten eine beachtliche Zug- und Haltefestigkeit.
Deutungen: Heimatforscher, Volkskundler und Wissenschaftler deuten die Herkunft recht unterschiedlich. Es gibt vier Hauptableitungen (teilweise aber überholt),
Wintervertreibung, heidnischer Brauch, Ableitung vom Wilden Mann und Nachahmung von in einstiger Zeit umherziehenden Gruppen mit Tanzbären.
Da die ersten schriftlichen Erwähnungen der heute uns bekannten Strohvermummungsbräuche erst Mitte des 19.Jahrhunderts erfolgten, also im Zuge der Spät-Romantik, ländliche Bräuche aufzuschreiben, sind ideengeschichtlich verfaßte Verbindungsversuche zu Wintervertreibung, Heidentum und Wildem Mann rein spekulativ. Das naheliegendste wäre im Falle des Strohbären aus heutiger Sicht die Tanzbärendeutung. Bei den anderen Figuren gestaltet sich die Deutung etwas komplizierter.
Die Beschreibung eines Strohbärenumganges dokumentiert E.Meier , 1852, in seinem Buch - Deutsche Sagen Sitten und Gebräuche-
"In Wurmlingen bei Rotenburg macht ein Bursch den Fastnachtsnarren; er wird in Stroh gehüllt und an einem Seile als "Bär" im Dorf herumgefürt und muß tanzen, während ein Anderer die Flöte dazu bläßt. Dieser Bärentanz wird am Montag und Dienstag so fortgetrieben."
Wenig beachtet wurde bisher die Funktion des Strohbären/der Strohvermummung als Hauptfigur einer Heischegruppe. Alle heute noch bekannten Bräuche mit Strohfiguren haben mehr oder weniger mit dem Brauch des Heischens, Bettelns, Zampern, Kötten zu tun oder stammen aus diesem Bereich heraus. Strohbären und andere Strohvermummungen traten nie als Einzelgänger auf. Technisch jedoch, betrachtet unter Weglassung aller gängigen Herkunftsparadigmen, war das Einbinden einer Strohvermummung schon sehr lange möglich. Seit dem Zeitpunkt als der Mensch handwerklich mit Stroh umzugehen begann.
Verbreitung in Europa: Auch in einigen Ländern Europas sind verschiedenartige Strohvermummungen bekannt.
L'Orso di Paglia, Valdieri, Italien
Straw Bear, Whittlesey (Whittlesea), Großbritannien
Bonhomme de Paille, Frankreich
Strohschab, Bad Mitterndorf, Österreich
ursului de paie, Gura Humorului, Rumänien
Wren Boys, Irland
Erfassung: Mittlerweile sind mir 175 Orte in der Bundesrepublik bekannt, in welchen noch aktiv Strohvermummungsbräuche betrieben werden.
Wer einen Ort kennt mit lebendigem Strohvermummungsbrauch (Strohbären / aber auch andere Figuren) kann diesen über Anmeldung mitteilen (Ort mit PLZ). (Wenn verfügbar: auch Adresse Ansprechpartner, ein Foto der Strohgestalt, Genehmigung zur kostenfreien Veröffentlichung des Fotos auf dieser Seite und weiteren Informationen).
Mit Ihrer Hilfe gelingt vielleicht eine lückenlose Erfassung und Dokumentation aller Strohvermummungsbräuche. Jeder neu gemeldete und nachweisbare Brauch erhält eine Register-Nummer. Herzlichen Dank.
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Über Anmeldung mitgeteilte Orte Strohbärenorte:
Meldung: 30.3.2012
Foto Gottfried Blankenheim
Reg-Nr. 176: --- Äerzebär Kirchheim (Eifel) 53881 Euskirchen-Kirchheim, Lkr.Euskirchen (EU), Nordrhein-Westfalen
Toll!!! In Kirchheim wurde der Brauch am Karnevalssamstag 2012 nach über 30 Jahren Unterbrechung zum Leben wiedererweckt.
Obwohl die Strohgestalt örtlich Äerzebär heißt, hatte man sie in der Vergangenheit immer mit Weizenstroh eingebunden.
Früher lief der Bär am Karnevals-Dienstag im Ort um.
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Meldung: 23.2.2012
Reg-Nr. 175: --- Strohbär Schwerstedt 99634 Schwerstedt (Verwaltungs-Gemeinschaft Straußfurt), Lkr.Sömmerda (SÖM), Thüringen
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Meldung: 4.7.2011
Leider noch kein Bild vorhanden
Reg-Nr. 085: --- Strohbären Ruschberg 55776 Ruschberg (Verbandsgemeinde Baumholder), Lkr.Birkenfeld (BIR), Rheinland-Pfalz
(Reg-Nr. schon vorhanden )
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Meldung: 8.3.2011
Reg-Nr. 158: --- Strohbär Ruppertsburg 35321 Laubach-Ruppertsburg, Lkr. Gießen (GI), Hessen
(neue Reg-Nr.)
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Meldung: 19.11.2010
Reg-Nr. 156: --- Erbsbär Westhausen , Lkr. Eichsfeld (EIC) Thüringen
(neue Reg-Nr.)
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Meldung: 10.11.2010
Leider noch kein Bild vorhanden
Reg-Nr. 149: --- Strohwickel Ruppersdorf (Ortsteil von Remptendorf) , Lkr. Saale-Orla-Kreis (SOK) , Thüringen
(Reg-Nr. schon vorhanden )
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Interessante zugesandte Strohbären-Fotos
( Zugesandte Strohbären-Fotos, können auf dieser Seite nur eingestellt werden, wenn eine Veröffentlichungs-Erlaubnis des Urhebers beigefügt ist)
08.10.2011
Reg-Nr.002: --- Äschadreppler Tübingen-Hirschau , Lkr. Tübingen (TÜ), Baden-Württemberg
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12.09.2011
Reg-Nr.004: --- Strohbären Walldürn , Lkr. Neckar-Odenwald-Kreis (MOS), Baden-Württemberg
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05.09.2011
Reg-Nr. 024: --- Strohbär Herbstein , Lkr. Vogelsbergkreis (VB), Hessen
10.03.2011
Reg-Nr. 145: --- Strohbären Marktheidenfeld , Lkr. Main-Spessart (MSP), Unterfranken, Bayern
6.2.2011
aufgenommen beim Narrentreffen in Bühl
Reg-Nr. 066: --- Strohbären Osterburken , Lkr. Neckar-Odenwald-Kreis (MOS), Baden-Württemberg
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Schnappschüsse
. Strohbären-Connection Herbstein-Empfingen (aufgenommen beim Europäischen Narrenfest in Stuttgart-Bad-Cannstatt 2009)
Hübsche Strohbärin aus Zellingen b. Würzburg
(aufgenommen beim Einbinden der Strohbären an den Empfinger Narrentagen 2011 / Foto Marcus Michel)
.Strohbären-Treffen in Empfingen
(aufgenommen an den Empfinger Narrentagen 2011 / Foto Marcus Michel )
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